Kunde wird Künstler – SZ-Artikel vom 22.11.2019

Dr. Peter Senf wollte in Bischofswerda nur eine Brille bestellen. Doch der Besuch beim Optiker brachte den ehemaligen Architekten auf eine besondere Idee.

Bischofswerda. Den besten Blick auf Bischofswerdas Stadtsilhouette hat man wohl von Klengel’s Ruh, gelegen auf dem halben Weg zum Butterberg. Und auch von dort sieht man nicht alle Gebäude der Stadt, die es wert sind, beachtet zu werden. Nun gibt es ein Wandbild, das die Stadt aus ungewöhnlicher Perspektive zeigt. Dr. Peter Senf, der von 1993 bis 2015 im Bischofswerdaer Ortsteil Belmsdorf lebte, hat es für das Optikergeschäft Plüschke geschaffen. Das Aquarell, das aus zwei großen und einer kleinen Tafel besteht, fand im Verkaufsraum seinen Platz. An diesem Donnerstag wurde es feierlich enthüllt.

Der Zufall half, dass das Bild entstehen konnte. Peter Senf, der jetzt in Pesterwitz bei Freital lebt, ist nach wie vor Kunde in dem Bischofswerdaer Fachgeschäft. Im Januar kam er wegen einer neuen Brille. Gelegenheit für Inhaber Michael Plüschke, mit ihm nicht nur über die Gläser und die neue Fassung zu sprechen, sondern mit Peter Senf auch über dessen künstlerische Arbeit ins Gespräch zu kommen. Dieser reflektiert jenen Tag mit den Worten: „Ich bin als Kunde gekommen und mit einem Auftrag gegangen, der mich anfangs erschreckt hat.“ Denn gewöhnlich zeichnet der fast 90-Jährige Bilder in wesentlich kleineren Formaten. Doch das Interesse war geweckt. Und auch der Ehrgeiz. Peter Senf ging auf Motivsuche und wurde schnell fündig. Er bannte Bekanntes, wie die Kirchen, das Rathaus, den Zwiebelturm, das Gymnasium, den Mitteltrakt des Schulhauses an der Kirchstraße, das Kulturhaus, die Postmeilensäule und den Paradiesbrunnen aufs Papier. Und er zeichnete Dinge, die nicht jeder sofort zuordnen kann, wie den Glasbrunnen im Hof des Seniorenwohnhauses „Am Belmsdorfer Berg“. Dabei dokumentiert er die Epochen der Bischofswerdaer Baugeschichte: mit der Fronfeste die wenigen erhaltenen Reste der mittelalterlichen Baukultur in der Stadt, mit den klassizistischen Bauten den Wiederaufbau nach dem Stadtbrand 1813, später die Gründerzeit und DDR-Architektur. Und er schlägt eine Brücke ins Jahr 2019. An der Fronfeste deutet er den Hospizneubau an. Im Dresdner Unternehmen Pigmentpol fand er einen Partner, der seine Aquarelle vergrößerte und auf Acrylplatten brachte. So sind sie jetzt großformatig im Augenoptikergeschäft an der Dresdner Straße zu sehen. Viel Unterstützung bei diesem Projekt erfuhr Dr. Peter Senf auch von seiner Lebensgefährtin Dr. Gerlinde Kleber.

Mit der Stadt verbunden

Bereits in seinen Bischofswerdaer Jahren hatte Peter Senf eine Stadtansicht gezeichnet und sie der Stadt angeboten. Doch sie hatte kein Interesse an dem Bild, deshalb kaufte es die Sparkasse. Eine Postkarte mit einem Detail des Werkes machte Michael Plüschke und dessen Frau Edith auf den Künstler aufmerksam. „Bischofswerda hat wegen des Stadtbrandes keine mittelalterliche Architektur mehr. Um so wichtiger ist es, die Aufmerksamkeit auf jene Bauwerke zu richten, die es heute gibt. Sie kennzeichnen Lebensqualität in unserer Stadt und sind es wert, bewusst wahrgenommen zu werden“, begründet Augenoptikermeister Michael Plüschke, warum er sich für dieses Wandbild entschieden hat. Zuspruch gibt es dafür von Oberbürgermeister Holm Große, der Gast war, als das Bild enthüllt wurde. Der OB dankte dem Ehepaar für seinen Mut, ein solches Bild in Auftrag zu geben. „Es ist schön, wenn sich Unternehmer auch auf eine solche Weise mit ihrer Stadt identifizieren.“

Auch Peter Senf dokumentiert damit seine Verbundenheit mit Bischofswerda. Der Künstler, Jahrgang 1930, studierte Architektur in Dresden. Er arbeitete viele Jahre in Berlin, unter anderem in der Meisterwerkstatt von Professor Hermann Henselmann. Er promovierte auf dem Gebiet der Soziologie, war Dozent und Prorektor der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Seit dem Jahr 1995 zeichnet er freischaffend. Noch jetzt im Alter ist er produktiv. Unter dem Titel „Quer durch Dresden“ erschien von ihm im Sandstein-Verlag ein Heft mit Aquarellen. Sie zeigen Dresdner Ansichten. Dazu schrieb der Künstler auch die Texte.

In Bischofswerda ist Peter Senf kein unbekannter. Eines seiner Werke in der Stadt passieren täglich mehrere Hundert Menschen – auf seinen Entwurf gründet sich das Logo der Oberlausitz-Kliniken, das am Zugang zum Krankenhaus zu sehen ist. Peter Senf hatte seinerzeit den Gestaltungswettbewerb gewonnen. Auch in die Diskussion um die Neugestaltung des Altmarktes in den Jahren 2004/05 brachte sich der renommierte Architekt ein. Er schlug vor, rund um den Markt Stahl-Glas-Arkaden zu errichten – auch in Anlehnung an den klassizistischen Platz. Damals fand er kein Gehör. Doch nun gibt es von ihm eine Bischofswerdaer Vedute – eine Stadtansicht, die man so kein zweites Mal findet. Dank der Entscheidung eines Ehepaares, das seinen Kunden die Schönheit und Vielfalt Bischofswerdas nahebringen möchte.

(Quelle: https://www.saechsische.de/plus/ein-geschaeftsbesuch-mit-folgen-5143051.html)